Mittwoch, 21. Juni 2006

Mittwoch abend

Es weht ein lauer Abendwind. Sanft berührt er mich, beinahe wie eine Liebkosung auf meiner Haut. Streicht mir die Strähnen aus dem Gesicht. Trägt meine Gedanken mit sich fort...Einfach mal an nichts denken...mit verklärtem Blick die Natur streifen, nicht wirklich etwas sehen können und doch mehr gewahr werden, als würde ich mich suchend umsehen.

Nun sitze ich wieder zuhause und auch meine Gedanken kehren so langsam wieder heim.

"Wie ein Schlag ins Gesicht..." - diese Worte gehen mir nicht aus dem Sinn. Haben sich tief in meinen Kopf gegraben und krallen sich dort fest.
"Wie ein Schlag ins Gesicht würden meine Worte die Menschen treffen, wenn sie mich hören könnten..."

Habe ich Gründe genug unglücklich zu sein? Bin ich wirklich so hart vom Schicksal gezeichnet worden, dass mein Leben keinen Sinn mehr hätte?

Ich habe ein Dach über dem Kopf, jeden Tag genug zu essen. Ich darf studieren. Ich bin keine Waise, muß nicht Tag für Tag um meine Existenz kämpfen. Ich habe auch keine unheilbare Krankheit.

Und doch - ich bleibe bei meiner Aussage. Dass ich jederzeit mit den Menschen, die all das nicht haben, die sich tagtäglich Sorgen um ihr weiteres Dasein machen müssen, welche ohne Eltern aufwuchsen und keine Chance auf Genesung haben - dass ich jederzeit mit ihnen die Leben tauschen würde.

"Wie ein Schlag ins Gesicht..." würde es diese Menschen treffen, könnte ich es ihnen sagen. Sie würden mich wahrscheinlich verständnislos ansehen. Mit ihren gequälten, schmerzvollen Blicken, aus denen ihr tägliches Leid Bände spricht. Blicke gekennzeichnet von Angst und Hoffnung. Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein Leben wie meines.

Wenn ich könnte, würde ich es ihnen bedingungslos überlassen. Doch sie würden nicht glücklicher dadurch werden.
Denn sie wissen nicht, was zu meinem Leben noch dazugehört. Sie kennen nicht die brennenden Erinnerungen, welche jeden Tag ein Stück mehr von meiner Seele zerstören; welche sie in Flammen setzen und ein Brachland aus kalter Asche und Rauch hinterlassen.

Nein, es lohnt sich nicht, mich um mein Leben zu beneiden. Ich würde auf der kalten harten Erde schlafen, würde hungern und darben, mich mit der todbringenden Krankheit anfreunden, um nur diese Erinnerungen vergessen zu können.

Ihr werdet es nicht verstehen und mich wohl auch für diese Gedanken verurteilen. Aber Ihr wißt auch nicht, wovon ich rede. Ich würde es gerne jemanden anvertrauen, aber ich bin noch nicht soweit und werde es wahrscheinlich auch nie sein. Habe wohl auch noch nicht wirklich jemanden gefunden, dem ich mich vollkommen anvertrauen könnte. Bezweifle, dass es je jemanden geben wird, den es tatsächlich interessieren könnte. Denn nach solchen Dingen fragt niemand freiwillig. Ich will es niemandem erzählen, ich möchte es jemandem anvertrauen.

Mittwoch mittag...

Zwar bewölkter Himmel, aber irgendwie scheint auch die Sonne. Nur von der Schwüle bekomme ich Kopfschmerzen.

Uni habe ich halbwegs überstanden.
Doch noch immer tut mir alles weh. Also, ab zum Arzt und Überweisung holen. Kein Problem. So, nun einen Orthopäden, Chiropraktiker oder ähnliches finden. Die Liste in den Gelben sieht ja schon einmal ganz gut aus.

Der 1. Anruf: "Tut mir leid, aber Herr Doktor operiert nur noch."
Hmpf. Nee, das will ich lieber nicht.

Der 2. Anruf: "Ende Juli können Sie einen Termin haben."
Mir tut's aber jetzt weh.

Der 3. Anruf: "Ich kann Ihnen im August einen Termin geben."
Mir tut es immer noch jetzt weh.

Der 4. Anruf: "Sie können im September ..."
Aaargh! Verdammt nochmal! Ich habe jetzt Schmerzen und nicht erst im nächsten Quartal!

Der 5. Anruf: " Sie können morgen um 8.00 vorbeischauen, aber ich kann Ihnen leider nicht versprechen, dass Sie auch drankommen. Vielleicht versuchen Sie es mal "hier" oder "da"."
Na, immerhin.

Der Anruf bei "hier": "Sie erreichen uns außerhalb unserer Sprechzeiten. Vom 19.06 bis 07.07. sind wir im Urlaub..."
Toll.

Der Anruf bei "da": Am besten Sie stehen gleich um 7.00 vor der Tür. Dann kann ich Sie schon einmal aufnehmen. Wenn das klappen sollte, ist es aber mit langen Wartezeiten verbunden und ich kann Ihnen auch nicht versprechen, dass Sie von Frau Doktor behandelt werden."
Hä? Warum nicht? Wenn ich es schaffen sollte, dranzukommen, kann ich doch auch behandelt werden, oder nicht? Naja, erstmal vormerken. Aber einen Versuch könnte ich ja noch wagen...

Der letzte Anruf: "Gehen Sie am besten zu Ihrem Hausarzt. Der kann Sie schon einmal vorbehandeln. Vielleicht Schmerztabletten, Spritzen oder Physiotherapie. Wir könnten dann einen Termin für Oktob...."
Es reicht! Klasse Idee, Schmerz"therapie" über 4 Monate! Was soll das denn? Dauerzustand "breit, breiter, am breitesten", oder wie?

Ich mag nicht mehr!

Aber dieser wunderbare Mittwoch kann nur noch besser werden... hoffe ich.

Mittwoch morgen...

Es schüttet wie aus Eimern...

Mir schmerzen alle Glieder, meine Augen brennen, ich bin totmüde.
Was bin ich motiviert.
Aber was soll`s? Auf zur Uni. Die Pflicht ruft.

Und Grinsen nicht vergessen!

Was tue ich hier?

Warum kann ich mich nicht zurückhalten? Warum muß ich mich überall hineindrängen? Warum fange ich immer wieder damit an? Warum kann ich die Leute nicht einfach in Ruhe lassen?

Was tue ich hier? Was suche ich noch hier? Was will ich denn hier? Was nur erwarte ich hier?

Weshalb bin ich überhaupt noch da?

Weil ich selbst dazu zu blöde war!

Aber es wird Zeit...

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Deprivation - 2007/05/16 15:46
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Igelborste - 2007/01/23 10:29
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ja was? verbundenheitsgruß einer lächelnden hülle.
elsa_fin - 2007/01/05 15:01
Ich habe das wunderschöne...
Ich habe das wunderschöne Zitat in einem Kommentar...
steppenhund - 2007/01/05 14:52
ausgebrannt. nervlich...
ausgebrannt. nervlich am ende. weiß nicht, was ich...
Deprivation - 2007/01/05 14:26

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Terry Pratchett, Andreas Brandhorst
Die Magie der Scheibenwelt


Jeffrey Eugenides, Mechtild Sandberg-Ciletti, Eike Schönfeld, Mechthild Sandberg- Ciletti
Die Selbstmord-Schwestern.



Mary Higgins Clark, Mary Higgins Clark
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Zuletzt aktualisiert: 2007/05/16 15:46